Zu den gloriosen Pflichten eines Geschäftsführers gehört die penible Buchhaltung. Jeder Groschen muss vermerkt werden, jeder Geschäftsvorfall „dokumentiert“, so ist das nun mal.

Seit gefühlten Ewigkeiten pflege ich die ewig gleichen Rechnungen monatlich ein und ein und ein. So behalte ich den finanziellen Überblick, zwinge mich zu finanzieller Sauberkeit, und weiß immer, wann das Finanzamt wie viele Kröten absaugt.

Eine öde Routine, ja, aber auch eine hilfreiche, denn sie sichert auf eine starre Weise meinen Erfolg als Geschäftsführer. Man kann Buchhaltung nicht aufschieben (Strafe!) und man kann es nicht ignorieren, wenn man rote Zahlen abheftet, oder eben grüne.

Auf den Cayman-Islands und in anderen Steueroasen muss man nicht buchhalten, denn dort werden ja keine Steuern erhoben. Dafür gibt es dort entsprechend auch nur wenig gloriose Infrastruktur. Statt Autobahn-Baustellen gibt es dort nur Staubpisten.

Gegen Steuern an sich habe ich nichts, das wollte ich mal gesagt haben. Aber gegen zu viel Besteuerung habe ich was, auch gegen ungleiche Besteuerung. Und vor allem gegen Vorab-Besteuerung!

Ich habe selber realisieren müssen, dass man es bereuen wird, wenn man „zu viel“ verdient hat. Dann ist man nämlich gezwungen „vorauszuzahlen“, und deswegen fast pleite zu gehen – bloß weil es eine Weile besser lief als geplant, und dann „nur noch so gut wie geplant“: Ein fiskalisches Phänomen. Aber darum geht es hier nicht. Es geht ums Schreddern!

Nachdem meine Firma im Januar schon ihren 14. Jahrestag gefeiert hat, wird es Zeit, mal ein bisschen Luft in meinen Aktenschränken zu schaffen. Für neue Akten…

Wobei, nein, heutzutage wird ja digital buchgehalten (also: alle Belege werden in eine PDF gestanzt, und die PDFs werden in „die Cloud“ geladen, also auf irgendwelche Serverfarmen, verwaltet von Big Tech Firmen), und der Aktenschrank leert sich ab jetzt. Er hat die vollsten Zeiten hinter sich.

Als Mensch mit großer Sehnsucht nach Privatsphäre und Datenschutz habe ich schon vor einer Dekade einen Schredder angeschafft, mit dem ich jedes Stück Papier, dass meine Firma als Müll verlässt, zu Konfetti verarbeite.

Meine Kinder lieben das Ding. Sie können eine halbe Stunde damit verbringen, dünne Stapel an Papier in den Schreddderschlitz zu stecken, sich das Papier aus den Händen ziehen zu lassen, und beim Gemampfe zuzuhören. Natürlich hat der Schredder eine Kindersicherung, sonst ist mal eben die Fingerkuppe weg.

„Alles was älter ist als 10 Jahre darf in den Schredder“, ließ ich mir vom Steuerberater sagen. So setzt ich mich vor ein paar Monaten hin, um mal testweise mein allererstes Geschäftsjahr wegmampfen zu lassen, um zu sehen ob ich damit leben kann. Es war ja nur ein dünner Ordner voll, damals war ich noch „Kleinunternehmer“, doch das Leben damals ein Wahnsinn.

Nie hatte ich gefühlt soviel Geld wie 2009, zum ersten mal im Leben konnte ich mir Mietwagen und Hotel leisten, einen Anzug kaufen, oder gar Meeresfrüchte! Kurz: Ich lebte zum ersten mal mit Geld in der Tasche.

Die Zukunft war herrlich. Die blanke und naive Euphorie meiner jungen Jahre als Greenhorn-Unternehmer (ich war ja erst 33) löst noch heute ein Echo in mir aus, das mich leicht ins Schwärmen versetzt. Frei war ich damals! Keine Kinder, keine Verpflichtungen, keine Ketten. Und Steuern, oder – Gott bewahre – Vorab-Steuern waren noch weit, weit weg.

Der 2009-Ordner hat dann auch ewig gebraucht, um geschreddert zu werden. Jeder Rechnungsbeleg, jede Kontobewegung, jeder einzelne Name einer neuen Kundin: alles ist tief eingebrannt in mir, und es löste wallende Gefühle in mir aus, mcih von den alten Sachen zu trennen.

Also habe ich sie sämtlich abgescannt und in die Cloud geladen, sicherheitshalber, und zum Andenken, bevor die Belege dem finalen Gemampfe zum Opfer fielen.

Das Schreddern dieses Ordners war eine sehr bewegende Erfahrung, die ich emotional unterschätzt hatte. Immerhin schredderte ich die wichtigste, und bis dato schönste Phase meines Lebens: Die Geburt von Tim als selbständiger, erfolgreicher Unternehmer. Ich rede von einer Ära, in der ich endlich einen Weg gefunden hatte, bis zum Ende meines Lebens „mein Ding“ machen zu dürfen.

Dass es keinen Weg zurück gebe zu „Jobsuchen“ oder „Konto leer“, das WUSSTE ich damals klar und deutlich, und es befreite mich. Anno 2010 besiegelte ich diese Perspektive vor einem Notar, indem ich eine GmbH gründete. Diese soll mindestens bis zur Rente mein kleines cooles Raumschiff bleiben.

Mit der GmbH kamen dann echte Buchhaltung, echte Steuerberatung, und die ersten echten, den Herzschlag beschleunigenden Umsätze. Im ersten Jahr meiner Firma reiste ich auch nach Japan, machte dort Fotos für Neurostreams, und Videos für Silent Subliminals.

Im Schredder liegen also nun seit gestern allerlei zerfetzte Eintrittskarten für Zen-Tempel in Kyoto, und Rechnungen von Hotels in Tokyo-Shibuya und Ginza. Die ganzen früheren „Cover“ meiner Neuro-DVDs habe ich selber vor Ort fotografiert, sei es der dicke alte Baum von „Alles“, oder den zähnefletschenden Dämon (?) von „Megabrain Suite“, und auch die steinernen Laternen der ZenBox…

Ich war auffällig produktiv damals. Der Schredder würde mir zustimmen. Er hat sich nach 40 Minuten selbst abgeschaltet – wegen Überhitzung.

Die Reise nach Kalifornien ein Jahr später war dann die folgerichtige Hommage an mich selbst. Ich drehte den „Marketing Goldrausch“, und stellte ihn als Serie ins Netz. Das machte mich minimal bekannt, und die Jahresumsätze wurden danach sechsstellig, und aus einem Ordner pro Geschäftsjahr wurden ab jetzt zwei dicke Ordner.

Auch 2011 liegt seit heute als Konfetti in der Papiertonne. Haken dran.

2012 dann ein entscheidender Dämpfer, aber auch das Salz in der Suppe im Leben eines Mannes: Ich wurde Vater. Das entfachte zwar nach der ersten Geburt noch einmal viel Produktivität und noch mehr Schredderware, doch weiß ich heute, dass spätestens mit dem zweiten Kind ab 2014 meine absolute unternehmerische Freiheit gedrosselt wurde.

Habe ich als kinderloser Mensch gerne abends, nachts und vor allem am Wochenende gearbeitet (und gerne ausgeschlafen), so ist das mit Kindern nicht mehr möglich, zumal meine Frau die gleichen Rechte hat wie ich, und ihre eigene Karriere aufbaut, und eben keine Hausfrau ist.

Ich habe also längst (seufz, wieder!) einen zeitlichen Rahmen, eine feste „Struktur“, manchmal kranke Kinder zu Hause, „Ferien“, „Wochenende“ und so weiter. Es gibt Tage, da ist es ein Horror mir einzugestehen, dass ich, kaum dass ich mir meine Freiheit erkämpft hatte, sie sogleich eintauschte für… nun ja, das Vatersein. Ich war noch nie länger als 6 Tage von meiner Familie getrennt, eigentlich unvorstellbar.

Ich habe durch mein automatisiertes Business zwar alle Zeit der Welt, aber durch mein starkes Engagement für die Familie effektiv nur noch wenig Zeit. Und auch weniger Kraft. Man wird ja nicht jünger. Zwei Wochen durchklotzen ohne Rücksicht auf Uhrzeit und Kühlschrank, damit der Superlearning-„Vokabeltrainer“ übermorgen fertig ist, vergiss es!

Lange Zeitblöcke am Stück durchzuarbeiten ist mir seit Jahren nun gänzlich nicht mehr möglich. Warum? Weil irgendwann Kind Nr. 3 dazu kam. Das ist nochmal eine ganz andere Liga.

Dann kamen 2020 und 2021 die Lockdowns, die Kinder monatelang zu Hause… da ging außer Buchhaltung und Supportmails fast gar nichts mehr. Wenn man mich zu Coronazeiten fragte, was ich denn beruflich mache, dann sagte ich immer: Vater.

Aber es wird wieder besser. Die Kinder wachsen und lernen flink, und man muss sie immer weniger umsorgen. Ich habe mir außerdem sagen lassen, dass es ein Leben nach den Kindern geben soll. Nun ja, in 15 Jahren, wenn ich 60 bin, wissen wir mehr.

Bis dahin werde ich hoffentlich meinen Aktenschrank nicht nur leergeschreddert, sondern auch im Ofen verheizt haben. Irgendwann im Leben will ich nämlich auch mal einen Karmin haben.

Der Schredderzahn der Zeit wird mir weiterhin helfen auf Kurs zu bleiben. Indem er alte Sachen symbolisch zerfetzt, damit mental Raum für Neues entsteht. Das ist wie Zauberei! Und das Neue ist immer mega.

Das Leben als Mensch bleibt ein Wunder ohnegleichen.

 


Tim Daugs
Tim Daugs

Tim betreibt ein Online-Business. Bisweilen veröffentlicht er hier, was ihn gerade bewegt und beschäftigt.